Erfahrungsbericht einer Lebertransplantation

 

Hallo, ich bin Gerda Schieferdecker aus Talheim bei Heilbronn. Seit Juli 1988 bin ich transplantiert. Mein erlernter Beruf ist Arzthelferin, ich bin 1954 geboren  und verheiratet.

Soviel zu meiner Person, doch nun zu meiner Geschichte.

Meine Lebererkrankung begann 1985. Wegen akuter Oberbauchbeschwerden wurde eine Ultraschalluntersuchung durchgeführt. Ergebnis: Unklare Veränderungen in der Leber. Um alles genau abklären zu können, haben sich die Ärzte nach vielen, teilweise für mich sehr unangenehmen Untersuchungen entschlossen, einen Bauchschnitt zu machen. Befund: Gutartige Knötchen in der Leber. Das hieß für mich, dass man im Grunde nichts machen musste bzw. konnte.

Ich ging in den folgenden Jahren regelmäßig zu Ultraschalluntersuchungen und alles blieb unverändert. Ich war zwar oft müde und schlapp, ansonsten aber ging mein bisheriges Leben normal weiter.

Im August 1987 jedoch die ersten Alarmzeichen. Mein Bauch wurde immer dicker. Im Krankenhaus Ludwigsburg dann die ernüchternde Diagnose: eine beginnende Lebervenenthrombose und daraus folgend Bauchwassersucht. Ergebnis: Nach 4 Wochen war das Wasser medikamentös entfernt und ich wurde entlassen, musste aber immer noch Wassertabletten einnehmen. Ich fühlte mich insgesamt sehr unwohl und war oft müde und erschöpft.

Im Januar 1988 musste ich erneut ins Krankenhaus. Bei verschiedenen routinemäßigen Untersuchungen wurde festgestellt, dass sich der Zustand der Leber erheblich verschlechtert hatte. Es hatte sich eine Leberzirrhose gebildet und das Bauchwasser ließ sich medikamentös nun nicht mehr ausschwemmen. Es ging mir nun auch körperlich sehr schlecht, geistig hatte ich immer wieder Aussetzer. Nach 9 Wochen Behandlung wurde ich von Ludwigsburg in die Uniklinik Heidelberg auf die internistische Station Curschmann verlegt.

Es war ein hoffnungsloser und zermürbender Zustand; evtl. sollte ein Shunt angelegt werden, damit das Bauchwasser in die Blutbahn abfließen kann. Trotz regelmäßiger Punktionen waren ständig ca. 10 - 12 Liter(!) Wasser in meinem Bauchraum. Körperlich hatte ich in dieser Zeit noch weiter stark abgebaut, und auch die psychischen Probleme nahmen zu, weil die Leber bereits zu diesem Zeitpunkt das Blut nicht mehr richtig entgiften konnte.

Infolge dieses Zustandes war mein Bewusstsein zeitweise stark eingetrübt und eingeschränkt. Das Zimmer konnte ich nur mit Hilfe meiner Angehörigen verlassen. Die täglichen Besuche und die Fahren im Rollstuhl in den Garten waren die einzigen Lichtblicke am Ende des Tunnels.

Eines Tages kam Prof. Otto zu mir auf die Station und sprach zum erstenmal über die Möglichkeit einer Lebertransplantation an. Er überzeugte mich durch seine sachliche, persönliche und direkte Art davon, dass eine Transplantation der Leber wohl die einzige und letzte Möglichkeit war, wieder gesund zu werden, bzw. normal leben zu können.

Nach meiner Einwilligung stand ich schon bald nach den erforderlichen Untersuchungen auf der Warteliste auf ein Spenderorgan, die bei Eurotransplant im holländischen Leiden geführt wird.

Nach ca. 3 Monaten Wartezeit mit erheblichen körperlichen und psychischen Problemen kam der erlösende Anruf von Dr. Kraus aus Heidelberg. "Wir haben eine Spenderleber für Sie", diesen Satz habe ich noch genau in Erinnerung. Es war ausgerechnet an einem von den wenigen Wochenenden, an denen ich nicht im Krankenhaus war.

Früh morgens um 2.00 Uhr hat mich mein Mann sofort nach Heidelberg gebracht, wo Dr. Kraus schon auf mich wartete. Dann ging alles recht schnell und ich sah der ganzen Sache gefasst entgegen. Die Operation dauerte 12 Stunden und meine neue Leber hatte ihre Arbeit aufgenommen.

In den Tagen danach ergaben sich jedoch verschiedene schwere Komplikationen. Nach 2 Tagen musste noch eine Gefäßoperation wegen mangelnder Durchblutung der Leber durchgeführt werden und weitere 2 Wochen später war die transplantierte Leber durch die Minderdurchblutung bereits wieder so stark geschädigt, dass sich Prof. Otto zu einer Retransplantation entschloss. Diese erneute Transplantation wurde kurzfristig durchgeführt.

Ich selbst weiß von den dann folgenden 5 1/2 Wochen auf der Intensivstation nur noch wenig. Oft hatte ich Fieber und musste lange beatmet werden.

Rund 3 Monate nach der Retransplantation war ich dann noch auf der chirurgischen Station 10 b und wurde dort bestens versorgt. Von Tag zu Tag ging es mir besser. Durch intensive Krankengymnastik lernte ich wieder laufen und viele andere Dinge, die in den letzten Wochen und Monaten nicht mehr machbar waren.

Durch die fast täglichen Besuche meiner Angehörigen in dieser langen, schweren Zeit wurde ich immer wieder ermuntert, mich nicht aufzugeben.

Nach meiner Entlassung aus der Chirurgie war ich noch 6 Wochen zur Kur in Bad Mergentheim und kam 3 Tage vor Weihnachten (also nach 11 Monaten !) endlich wieder nach Hause.

Es ging mir immer besser, langsam zwar, aber beständig. Am Anfang ging ich alle 2 Wochen zu meinem Internisten in Heilbronn und ca. alle 3 Monate nach Heidelberg. Diese Abstände dieser Kontrolluntersuchungen sind inzwischen immer größer geworden.

Unseren Urlaub nach der Lebertransplantation verbrachten mein Mann und ich bevorzugt im Inland um im Notfall evtl. medizinisch schnell versorgt zu sein. Jedoch stabilisierten sich meine Blutwerte und mein Allgemeinzustand immer weiter, so dass wir sogar auch schon wieder Reisen ins Ausland unternahmen.

Mir geht es zur Zeit so gut, dass ich meinen Haushalt recht gut selbst versorgen kann. Zudem bin ich stundenweise 2-3 Tage pro Woche berufstätig. Ich bin Gründungsmitglied der Selbsthilfe Lebertransplanierter Deutschland e.V. und leite die Kontaktgruppe Heilbronn und bin auch im Kontaktkreis Organspende und Transplantation Heilbronn aktiv.

Das Leben macht mir wieder richtig Spaß. Ich denke, dass ich nach dieser schweren Erkrankung und Wiedergenesung bewusster und intensiver lebe denn je - ich freue mich über jeden Tag, den ich gesund verbringen kann.

Zwar gibt es immer wieder schlechte Tage - man sollte mit sich selbst kritisch sein - aber nicht immer gleich das Schlimmste befürchten, wie z.B. eine Abstoßungsreaktion. Medikamente muss ich noch regelmäßig einnehmen, glücklicherweise wurden es im Lauf der Zeit aber immer weniger.

Meinen ganz besonderen Dank möchte ich auf diesem Weg Herrn Prof. Otto und seinem Team aussprechen. Alle haben sich aufopfernd um mich bemüht und für alle damals aufgetretenen Komplikationen eine Lösung gefunden.

Doch ohne die großzügige "Spende" eines Organspenders und seiner Angehörigen würde ich heute nicht mehr leben. Dafür meinen herzlichen Dank.